Igoumenitsa, am Dienstag den 16. Juli im Griechenland des Jahres 2002
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Das eiserne Tor wurde hochgezogen, der Hafenarbeiter hob die armdicken Leinen frei, sie schlugen ins Wasser. Die Sophokles und das Polizeiauto am Kai setzten sich gleichzeitig, im kitzligen Dopplereffekt in Bewegung. Schon an der Hafeneinfahrt schoß noch ein kleines Boot auf uns zu, verlangsamte längsseits elegant im Bogen. Ein an der Außenwand klebender Mann hüpfte in sein Zeitfenster und hinüber. Das schöne Triest fächerte sich majestätisch auf. Nach 1 ½ Stunden Fahrt war auch das Grün des kroatischen Festlands entschwunden. Eine weiche, weite, lauwarme, graue Decke verschmolz mit den Wasserwogen, daraus tröpfelte ein seltsam langsamer Regnen. Das Plastikdach über Deck leckte an verschiedenen Stellen, die Füße wurden naß. Beim Orientierungsgang geriet ich an die junge Slovenin. Sie erzählte von ihrer Klassenfahrt und gab sich begeistert, wie ich unterwegs sei. Sie prophezeite für Grecia ganz enthusiastisch eine tolle Zeit.
Unter Deck lagerte die Gruppe Jugendlicher bunt in einem Haufen zusammengedrängt auf dem Teppichboden. An der Toilettentür bemerkte ich den Zettel mit der Aufschrift „50 Cent“. Als ich da heraustrat tat ich vorbereitet die Spende in den hingehaltenen Kaffeebecher. Die Meute quittierte es feixend mit Dankesgejole. Schlief die Nacht, neugeboren von der Duschkabine, wie all die anderen Deckspassagiere auf dem Flur. Nicht jeder jedoch hatte einen Schlafsack, wohl nicht jeder fand es so luxuriös. Da waren von langer Reise stille, ermüdete und betrübte Gesichter.
Eine staubgelbe, lautlos in der Sonnenglut brütende, vollkommen kahle Gebirgslandschaft ohne Leben. Zu deren Füßen leckte auf dem schmalen Streifen flachen Landes, eine stumme, einförmige, alle Farbtupfer entbehrende, gedrungen niedrige Häuserzunge am blauen Flimmer des Wassers der Bucht. Der schlichte Hafen hier, außerhalb der Stadt gelegen, bestand aus kaum mehr als einer Asphaltplatte mit ein paar scheinbar regellos darauf gesetzten Gebäuden, Baucontainern und Kioskbuden.
Der weite sensibel wiegende Schnitt durch das Meer war zuende, mein Erleben nun - der unfaßbare Kontrast. Wieder auf den eigenen Antrieb zurückgeworfen, wie verloren und verlassen, hielt ich mein Überleben, mein Vorankommen in einem solchem Terrain für unmöglich.
Und doch erstand ich als erstes eine Straßenkarte von jener irgendwie distanzlos natürlich, liebevoll, auf Deutsch um mich bemühten Hellenin; stakste glotzend durch die menschenleeren, fremdartigen Einkaufsstraßen einer schlafenden Stadt und fand ein Cafe mit Computern geöffnet; tat kleinselig da das Ritual sprachloser Worte, tippte das Lebenszeichen und verließ den Ort.
Wieder an der Pier vorüber, an einem noch nicht eröffneten Autobahnzubringer vorbei, der in die Berge führte, auf der Buchtstraße entlang gen Süden. Kam einmal ein Kraftfahrzeug, schlugen mir die Laufgeräusche seiner Reifen, seiner Maschine, ganz überlaut aufs Ohr. Just bevor sich die Rollbahn um den steinigen Berghang wand, hieß mich linkerhand das kleine, hölzerne Rasthüttchen willkommen. Der Rundblick hier: Hafen, Stadt, Berge, Insel, Himmel, Meer.
Das schmale Zettelchen, aus einem Blatt des Tagebuchs entrissen, rotierte von den Fingern entlassen auf den Staub des Bodens. Das „Weiter“ Seiner Botschaft, behielt die Oberhand. Ich schlief die Nacht unter diesem luftigen Dächlein.
Nach 12 Kilometern Fußmarsch entlang der Küstenwüste kam ich zu dem Dörfchen Plataria, an dessen stiller mit Bäumen und Tischen besäumter Kieselstrandbucht ich mich im Schatten eines Eukalyptus niederließ. Ein hölzerner Einmannsegler lag am Steg und schien meiner Seele zu winken. Die hohen braunen, kahlen Bergrücken zu beiden Seiten raunten „hartes Leben“. Die Alten des Dorfes pedalten am Nachmittag in schwarzem Badezeug zu Wasser. Ich döste und hielt Nachlese in der Zeitung.
Gegen Abend, kurz vor Karteri, bot mir ein Mann an, mich im Auto mitzunehmen, ich lehnte dankend ab. In Karteri bekam ich von einer schon recht betagten Frau mit sehr dickglasiger Brille, die sich auf dem Balkon ihres Hauses gezeigt hatte, Wasser. Kurz darauf, bei einer weiteren Pause, bot mir ein junger Mann an, mich gegen Bezahlung ein Stück zu fahren. Auch hier lehnte ich dankend ab. Unter dem Olivenbaum neben der Kirche von Karteri legte ich mich zur Nacht. Als es zu regnen begann wechselte ich unter das Dach des Eingangs.
Donnerstag, den 18. Juli 02 hinter Margariti
Am Vormittag war der Himmel bewölkt. Mein Frühstück bestand aus kaltem Milchkaffe sowie Schafskäse mit Öl und Brot. Mittags wurde es wieder sehr warm. Die Sohlen meiner Billigsandalen waren durchgelaufen. Imposante Bergwelt. Viele Autofahrer grüßten. In Nekromandio hielt ich eine kleine Pause in der Gastwirtschaft. Auch hier sprach der Wirt etwas Deutsch. Den Ort Loutsa hatte ich mir als Ziel vorgenommen, eine Tagesstrecke von 31 km, am Vortag hatte ich 26 geschafft. Die Versorgungslage war mir unbefriedigend. Es gab kaum Lebensmittelläden am Weg. Ich ging ungerne in Cafes oder Kneipen. Fand 50 Cent auf der Straße und kaufte mir davon in einer Tankstelle drei Süßigkeitenriegel.
Freitag, den 19. Juli 02 in Loutsa
Die Nacht verbrachte ich vor Loutsa unter den Bäumen eines Picknickplatzes. Als ich zum Abend hingelangte, stand da noch ein geöffneter Imbisswagen. Auch hier sprach der Grieche sehr gut Deutsch. Ein dickes Käsesandwich mit Tomaten, Zwiebeln, Pommes, und Ketchup essend erlebte ich einen meiner schönsten Sonnenuntergänge. Der Platz lag an einem Stück Steilküste, vielleicht 50 Meter hoch über dem schimmernden Wellenmeer. Ich hatte für die Nacht das Innenzelt unter dem Dächlein des Rasthäuschens aufgespannt. Trotzdem traktierten mich die Ameisen. Stand früh auf. Frühstück mit Kaffee und Käsesandwich in einem Restaurant. Als ich den Besitzer nach einem Lebensmittelladen frug, sagte der, ich könne das auch von ihm haben. 1 Liter Milch, 500g Brot, 1 Pfund Birnen kaufte ich von ihm. Unterwegs konnte ich an einer einzelnen Rebe ein paar rote Weintrauben pflücken. Von 11 Uhr 30 - 17 Uhr hielt ich Liegepause auf einem Rastplatz. An einem florierenden Obststand bekam ich Bananen, 1 Orange und eine Zitrone geschenkt. Hinter der Kreuzung mit dem Abzweig nach Arta, ich hatte mich entschlossen über Preveza zu gehen, gab es einen Supermarkt.
Samstag, den 20. Juli 02 - vor Nikopoli
Kurz nach dem Supermarkt kam ich an einem Sportplatz vorbei. An einem Gebäude gab es da auch einen Wasserhahn. Blieb dort und wusch ein paar Kleidungsstücke, die ich zum trocknen über den Zaun hängte. Schlief die Nacht auf der Betonfläche des Trainerhäuschens. Ein herrlicher Sternenhimmel und anfangs zahlreiche Sternschnuppen entfalteten sich mir da. Geschichte der Provinz Epiros
Mittags in Preveza, eine schon etwas größere Stadt, der auch die Höhendimension fehlt. Über vier Stockwerke geht scheinbar kein Haus hinaus, wohl den Erdbeben geschuldet. Legte mich für eine Stunde auf die Bank im Park. Ich wollte weiter auf der E952 auf der anderen Seite des Meebusens genannt Amvrakikos Kolpos. Im modernen Internetcafé sprach die junge Frau englisch. Kurze Überfahrt auf kaum belegter Fähre, Preis: 29 Cent. Es gibt keinen Bus nach Vonitsa, aber vom Tunneleingang weg könnte ich trampen, sagte mir die Bedienung im Cafe, als ich sie nach dem Weg fragte. Kam am Flughafen vorbei. Am Abzweig Vonitsa ging ich in den Imbiss. Aus einem Lautsprecher klang ganz orientalisch klingende griechische Folklore. Ich war begeistert, voller Zuversicht und Gottvertrauen. ›Hier erst beginnt Sein Geheimnis‹ – dachte ich, angerührt von der Mentalität der Menschen. Die Strecke war herrlich, relativ wenig Verkehr, wenige Häuser und Höfe nur; ich winkte einem Schäfer zu, er winkte und pfiff zurück. Große einsame Weiten, die Grillen zirpten den Hirntakt. Ich fand - Wandern in Griechenland das Schönste.
Sonntag, den 21.7.02, Vonitsa
Die Nacht schlief ich in einer offenen Fischerhütte am Wasser. Trank vorhin einen Griechischen Kaffee, alles andere wurde nicht verstanden. Schön ist die Uferpromenade. Im Wasser ein paar Leute, einige Frauen baden mit Hut. Schwerer Weg bergauf bei schon hoher Sonne und viel Verkehr. Auf einem Bergsattel kam ein Dorf, in das ich hineinging, hinter der Kirche fand sich noch ein Lokal, in dem ich ein Bier trank, der Wirt wies mich gleich auf einen älteren Herrn hin, der etwas deutsch sprach. Der erzählte mir, daß er vor 30 Jahren als Bauarbeiter in Düsseldorf, aber auch in schon in Frankreich, England und Russland war; dazu spendierte er mir ein weiteres Bier und der Chenothochos brachte auf einem kleinen Tellerchen noch drei Ölsardinen dazu. Es war da ein ganz lustiger Haufen versammelt und es wurde viel gescherzt. Bei der Kirche lege ich mich auf der Veranda in den Schatten. Palimpela hieß das freundliche Dorf. Ein paar km weiter bergauf und bergab, kam Linkerhand ein Imbiss, darin ein sehr sympatischer junger Mann mit Rasta-Locken und ein ganz, ganz lieber Hund, der mir an meinem Tisch bei einer Fanta on the Rocks Gesellschaft leistete. Auch hier wie schon so oft an schönen Plätzen, ein Feuerwehrwagen mit drei jungen Männern in Bereitschaft, denen diese Art von Arbeit sichtlich gut bekam, dann Abstieg ins Tal und durch ... Wandern mit Helmut
Montag 22. Juli 02, Lourtraki
Die Nacht verbrachte ich unter einer Brücke hinter Loutraki. Ein angenehmer Wind strich vom Berg herunter. Ich lag in der Dämmerung, den Schlafsack auf den Absatz des Brückenpfeilers gelegt, als Glöckchenklänge näher kamen. Als ich hinsah erschien da eine kleine herrenlose Schweineherde, die durch das trockene Flußbett stromerte; ein junger Nachzügler hüpfte fröhlich hinterdrein. Helle Mondnacht mit dem kontrastierenden Traum: da war eine Atombombenexplosion unter der Stadt. In Sparto: die Männer des Dorfes saßen vor der Kneipe und bestaunten. Ich grüßte, sie grüßten zurück. Kaufte Milch und Limonade im Minimarket, in der Bäckerei, gleich daneben eine ölige Blätterteigtasche, hier Pitta genannt. Saß dann im Schatten vor dem Bäcker neben einer Speiseeistruhe, aß und trank. Im Blätterteig befand sich zu meiner Freude Schafskäse. Holte davon noch zwei Stück als Tagesproviant. Aß noch einen Becher Kirscheis. Ein paar km weiter dann schlug die Mittagshitze voll auf mich nieder. Ich fand einen Weg zum Wasser. Saß eine Weile im Schatten eines Olivenbaumes und im kühlen Wind, dann längere Liegepause in einer Straßenunterführung, konnte aber nicht so recht zur Ruhe finden und ging schon am frühen Nachmittag weiter. Nach ein paar Kurven sah ich die Häuser von Amfilohia am Ende der Bucht. Der Ort zeigte sich von Anfang an sehr aufgeräumt, fast mitteleuropäisch, ich kam an eine Wasserstelle, wusch mich, gleich dahinter fand sich eine Bank im Schatten.
Dienstag, den 23.7.02, Stanos
Kam gestern abend auf der Suche nach einem Schlafplatz schon bei Dunkelheit hinauf nach Stanos. Die Ortschaft lag links der Straße am Hang. Hier fand sich der Sportplatz einer Schule geöffnet und ein Häuschen mit großem Vordach. Hörte darunter liegend noch lange sehr verzaubernde Volkloremusik durch das Dorf hallen. Sie beschwörte mir Sehnsucht und die Fernen der Welt, ließ mich ein lang verschüttetes, vergessenes Leben spüren, die Tiefen und Weiten in Zeit und Raum; daraus sangen mir Mutter Erde, das Mittelalter, Indien und China. - Hier geht es zu den griechischen Webradios.
Die Straße führte anderntags durch ein langes, breites Tal, dessen Grund erfüllt war von Tabakkulturen, die unteren Blätter der mannshohen lindgrünen Pflanzen wurden schon geerntet. Im Dorf hatte ich Menschen gesehen, die diese spät abends noch auf Schnüre nähten und die Büscheln an Gewächshauskonstruktionen zum Trocknen aufhängten. Pickups fuhren vorüber, die Ladeflächen mit großen weißen Tabakblattsäcken beladen, die darauf sitzende und liegende Männer bestaunten mich und winkten zurück.
Auf der Höhe des Amorakia-Sees aß ich gegen Mittag zwei Eisbecher vor einem Restaurant. Der Wirt schritt zu einem benachbarten Pfirsichbaum, pflückte ein paar Früchte, spülte sie ab und schenkte mir drei davon. Wusch mich auch an dem Wasserhahn und wässerte das T-Shirt und den Hut. In Kovaras ging ich in die Kneipe neben der Tankstelle. Der junge Mann am Tisch vor mir sprach mich an: „Patras?“ „Ja“, sagte ich und zeige meine Karte. Ein weiterer junger Mann setzt sich dazu. Er konnte Englisch. Die jugendlich freundlich und lebensbejaend drein blickende Mutter des Lockenkopfs erkundigte sich, ob ich schon gegessen hätte. Von dem jungen Mann erfuhr ich ein paar griechische Vokabeln. - Ein kleiner aber feiner Sprachführer im Web.
Einer dick, der andere dünn, zwei Polizeibeamte, deren Auto im Schatten neben der Straße ruhte, fragten mich woher ich käme, wohin ich ginge. Mit dem jüngeren sprach ich englisch. „Patras, by foot?“ „Nach Patras zu fuß?“ Die beiden waren sichtlich amüsiert, der Bauch des Dicken schwabbelt darüber. Ich konnte weiter gehen. GRIECHENLAND ai Jahresbericht 2004
Mittwoch, den 24. Juli 02, 12km vor Agrinio, Ätolien
Die Nacht schlief ich auf einer Kieselfläche gegenüber der langen Staumauer, sehr ruhig, zwei große herrenlose Hunde lungerten hier herum, ich durchsuchte eine Mülltonne und fand ein Stück trocken Brot, was sie aber, trotz ziemlich verhungertem Aussehen, nicht mochten. Ein Igel fand meine Plastiktüte interessant. An der Straße längs des Amyrakai-Sees hatte ich öfters überfahrene Schildkröten mit zersplittertem Panzer am Weg gesehen.
Kaufte in einem eher teuren SM Milch, Wasser, vitaminisierte Limonade und vier griechische Süßigkeiten, später, in einer Bäckerei, drei Pitta.
In Agrinio grüßt mich der Mechaniker einer Werkstatt mit "Hallo", schaut aber irgendwie skeptisch drein. An einer Kreuzung ertönte ein "Eh!" das ich aus einem vor der Ampel stehenden Kleinbuss kommend ortete, der schon ältere Fahrer winkte, streckt mir die Hand zum Fensterspalt heraus, mir etwas Geld zu geben. Von einem großen Truck hörte ich ein "sawa?" herüberrufen. Hinter Zevgaraki schenkte sich der herrliche Blick zurück auf den See. Die Straße führte nun leicht bergauf, in die Berge hinein, in einem tiefen Tal entlang, mit hoher steiler Felswand zur Linken.
Ein Lokal mit netter Wirtsfamilie. Sie alle saßen an einem Außentisch. "I am Greek" - "I am German" - "Where do you want to go?" Ich tauschte einen einfühlsamen Blick mit dem sanften Mann, bestellte ein Getränk, setze mich, begann zu schreiben. Ein kleiner blasser Junge schaute mir neugierig zu, kam näher und sagt etwas. „Ich kann dich leider nicht verstehen – kleiner Mann“ gab ich zur Antwort. Als Dank legte der Wirt beim Verschied die rechte Hand auf sein Herz. Fragoulieka war es, an dessen Ortende-Schild, die Gaststätte stand. Griechische Schrifsteller der Gegenwart von Michael Lahanas
Sah einen Lastwagen mit Anhänger, bepackt bis zum Geht nicht mehr – mit zu Ballen gepreßten, hellbraun getrockneten Tabakblättern.
25. Juli 02, Tragoulicka
Wollte gestern an der Kirche des Ortes nächtigen, als ich da jedoch auf einem Mäuerchen saß und aß, kamen zu den Wespen, die es auf meine Fußzehen abgesehen hatten, auch noch die massenhaft auftretenden, hyperaktiven, kleinen Ameisen, so daß ich mich entschloß weiterzugehen. Nach 100 m kam ich an einem Gemüsestand vorbei und zu einer Wasserstelle. Ich wusch mich da und ging dann noch einmal zum Stand, wollte da für die zwei Tomaten, eine Paprika, und zwei Peperoni bezahlen, aber die Verkäuferin wollte kein Geld. Das verstand ich nicht gleich, oder vielleicht war ich ihr gegenüber auch berschämt es zu verstehen. Sie wiederholte mit etwas gereizt klingenden Worten: "I don't want your money!" - „Ich will dein Geld nicht!“ 100m weiter gab es einen Weg rechts hinein. Da entlang habe ich unter einem Ahornbaum das Zelt aufgeschlagen.
Des morgens aß ich einen dieser griechischen Süßigkeitenriegel die aussehen wie türkischer Honig. Beim mühsamen zerkauen der zähen Masse blieb dann der untere waklige Schneidezahn dran hängen. Ich tröstete mich mit dem Gedenken an Ghandi und fand es so nicht weiter schlimm.
Bei leicht bewölktem Himmel durch ein paar km beeindruckend mächtige Schlucht, vorbei an einem Denkmal der Orthodoxie, an einem ehemaligen Kloster, das nun Hotel war, heraus aus den Bergen wurde das Wasser des Meerbusens zur rechten sichtbar. Da der Himmel plötzlich bedrohlich dunkel wurde, erdachte ich mir eine Bushaltestelle, und richtig, kurz darauf kam sie, modern, mit großem Dach. Ich saß da vielleicht 10 Minuten, als es zu regnen begann, ein wenig Gewitter auch, der kleine, fast unbrauchbar gewordene Schirm, schützt mich noch vor dem vom Wind hereingedrückten Naß. Nach einer 3/4 h war alles vorüber.
Kleiner Einkauf in Kefalovrisso, es verblieben mir 6 Euro. Ich wunderte mich im voraus, wie es wohl weitergehen würde. An einem Pfirsichbaum längs der Straße konnte ich ein paar leckere Früchte pflücken. Ging am Abzweig Etoliko vorbei, blieb auf der E55. Ab und an fiel noch ein kurzer Schauer, die zahlreichen Wolken ließen es nicht ganz so heiß werden. Kurz vor Evinohori führte die Straße über einen Bergsattel, rechts daneben, etwas erhöht, war eine Kirche sichtbar, die Abzweigung, der ich in Richtung Gotteshaus folgte, führte aber nicht direkt dort hinauf, sondern ich landete bei einem kleinen Bauernhof. Ein älteres, freundlich blickendes Ehepaar saß auf der Veranda und so fragte ich nach dem Weg zur Chiesa. Die Frau erklärte mir, ich müsse ganz außen rum und von hinten hoch, doch dann lenkte der Mann ein, deutete an, ich könne auch einen Schleichweg gehen und da oben womöglich auch nächtigen. Daraufhin führte mich die Frau durch ein enges Gartentor, es war so schmal, das ich den Rucksack abnehmen mußte, um hindurch zu kommen, dann ging ich ihr einen steilen Trampelpfad hinauf hinterher. Noch an einem anderen Haus vorbei sprach sie da zu der Bewohnerin, und wies mir dann das letzte Stück geraden Wegs hinauf, sich dabei in Richtung Kirche bekreuzigend. Oben gab es eine herrliche Aussicht, Patras war von hier sehen, ich setzte mich am Hang hinter das großes, weißes Kreuz, in Richtung Westen, in den Sonnenuntergang und meditierte. Kinder spielten Ball, eine Frau fuhr, nachdem sie sich an einer Wasserstelle gewaschen hatte, mit dem Mann auf dem Moped hinunter, der hatte bis dahin an einem kleinen Häuschen gemauert. Um die Kirche gab es zwei offene Hallendächer, unter dem einen habe ich geschlafen, litt da allerdings lange unter Stech- und Krabbelgetier.
Freitag, den 26. Juli 02, Evinohori
Am Ortsende von Evinohori tönte Sprechgesang aus der kleinen Kirche. Die Tür stand offen und so ging ich hinein, wohnte den letzten 20 Minuten der orthodoxen Lithurgie bei. Vielleicht 10 Frauen zur linken, drei Männer; davon stand einer rechts vorne an einem Pult, das hatte einen drehbaren pyramidenförmigen Aufsatz, an dem verschiedene offene Bücher lehnten, und singsangte in das Mikrofon. Eine Art Messdiener ging um und sammelte ein paar Kerzen ein. Der Pope, groß und sehr alt, mit langem, grauweißem, hinten zusammengesteckt Haar, stand in weißem, mit Blau besticktem Rock, und vergab aus einer großen Schale die gesegneten Stücke Brot.
Ein paar km weiter, den Berg hinauf, kam auf einer Anhöhe stehend, schon wieder eine Kirche. Ich ging die Stufen hoch und fand dort eine Wasserstelle. Wusch mich da und wässerte mir das Hemd und den Hut. Unten, rechts der Stufen stand ein Feigenbaum vor weiß gekalkter Mauer, dessen Früchte fand ich schon kräftig lila verfärbt und süß.
Es war da nun wieder eine landschaftlich sehr reizvolle Strecke. Kurz vor Andirio kam linkerhand erneut eine Kirche, der Hof drum herum war überbordend mit den blauweißen griechischen Fahnen geschmückt, im Innern feierliche Ausstattung, aber kein Mensch zu sehen; ich stellte meine Sachen in den Schatten, nutzte ausgiebig den Wasserhahn und ruht etwas aus auf jener von dichtem Baumwerk beschatteten Bank da.
Der gutes Englisch sprechender junger Mann eines Minimarktes verkaufte mir nicht nur ein preiswertes Brot und einen Liter Milch, er gab mir auch die Auskunft, die Fähre sei ca. 4km weit und für Fußgänger umsonst zu benutzen. In Adirio, kurz vor der Anlegestelle gab es noch einen Lebensmitteldiscounter; ich beschloß hier, von meinem Restgeld einzukaufen. Zur Fähre hin wurde ich durch Zurufe animiert doch schneller zu laufen; ich war der Letzte, der an Bord kam; die Autoklappen waren schon eingeholt. Ich ging dort ans Heck, hinauf in den 1.Stock und legte meine Sachen auf der Bank ab; im nu war ich völlig verzaubert; absorbiert vom Wunderlicht eines riesigen, wie lebendigen Feldes der Totalreflextion auf den Meereswogen; von der wie schwebenden Fahrt über die Meerenge des Patraika-Golfs, als mich ein junger, sonnenbebrillter Mann freundlich animiert ansprach: "Hello my friend, how are you?" Wir unterhielten uns. "Nein ich bin nicht wirklich ein Tourist ..." - so erzählte ich ihm freudig ein wenig von meinem Unterwegssein, zeigte ihm auch die skizzierte Wanderoute auf der Europa-Zeitungskarte im Innendeckel des Notizbuchs. Er stellte nun die Frage nach der Finanzierung und so erklärte ich ihm auch aufrichtig und unbeschwert dieses. Darüber war die Fähre angekommen. Wir verabschiedeten uns wie Freunde. Nur eine Minute später stand er noch einmal vor mir und reichte mir eine papierene „contribution!“. Zu dieser Zeit sah ich schon die Pfeiler der Rion-Antirion-Brücke aus dem Wassern ragen.
Dunkle Wolken verhüllten den 1926 m hohen Oros Panahaikos. Auch sonst hing viel in der Luft über der Nordfront des Peloponnesgebirges. Ich hielt mich linkerhand, auf der kleineren alten Küstenstraße in Richtung Athen. Zum Abend hin, gerade noch rechtzeitig vor dem einsetzenden Regen, fand sich vor der Bahnüberquerung rechter Hand ein ein Rohbau. Ich breitete im Keller die Folie aus, und darauf den Schlafsack. Die Niederschläge waren gewaltig, dazu schweres Gewitter. Etwas Wasser drang auch hier herein, mein Bereich jedoch blieb verschont.
Samstag, den 27. Juli 02
Des morgens ging ich auf der von Häusern gesäumten Uferstraße weiter; ein paar Kilometer vor Lambiri kam es zu heftigem Gewitterregen. Ich stand für eine Weile unter einem Baum, dann flüchtete ich mich in einen Abflußtunnel der Autobahn; als das Wasser auch da zu meinem Platz gelaufen kam konnte ich weitergehen. Die schöne Kirche vor Lambiri war leider nicht zugänglich; aß eine Pitta unter dem Vordach des Minimarket. In einer Bäckerei ließ mir die freundliche Verkäuferin von sich aus vom Preis etwas nach.
Wieder eine Lange Regenphase, die ich im Schutz der Autobahnunterführung saß; ein kleines Gärtchen war da angelegt; lehnte mich gegen den Rucksack, der wieder am Pfeiler gegenüber dem Gedenkhäuschen stand. Ein kleiner Schrein auf Metallgestänge, darin eine Ikone, ein Öllämpchen, ein Foto, Schächtelchen mit Dochten, Schwimmern, Weihrauch, und eine Vorratsflasche alten Öls zum Gedenken an den hier beim Verkehrsunfall Verstorbenen. In meiner Zeitung las ich, daß sich die Teilnehmer an der Balkankonferenz lieber unter dem Terminus Südwest-Mitteleuropa lokalisiert finden möchten; mein Kopf neigte sich tief über die schon mehrfach gelesenen Zeilen, für Sekunden nickte ich ein; am liebsten hätte ich das Regenwetter irgendwo verschlafen. Informationen und Bilder zur Region Achaia
Am Nachmittag fand ich in einer Bushalte Schutz. Ein junger Mann saß da schon, er schob sein Sportfahrrad für mich ein wenig zur Seite. Leonidas Charits war sein Name; sein Alter 15 Jahre; Grieche und mit seinen Eltern hier in den Ferien; zu sagen, was er nach der Schule machen möchte, fand er schwer; vielleicht die Medizin studieren. Als wir uns verabschiedeten, fragte er, ob ich möchte, daß er mir eine Hilfe geben. Ich sagte nein und bedankte mich. Seine Augen leuchteten, er sah mit einem langen, liebevoll verträumten Blick zurück.
In Egio ging ich entlang der Umgehungsstraße, durchquerte aber trotzdem ein großes Stück der Stadt, in der sich dieser Tage der Müll staute; die Container quollen über und die Abfallpyramiden stanken; darum herum die vom Öl schillernden Pfützen. Das Motorengeräusch der Zweiräder stand hier eindeutig in einem reziproken Verhältnis zu ihrer Leistung; wie mein Gottgedenken zum Füllstand meiner Börse, dachte ich. Die Sonne beschien nun Teile der Berge am Nordufer des Golfs; übermächtig empfand ich diese weiten, leeren Höhen; ich wähnte mich in biblischen Landen. In der Peripherie der Stadt kaufte ich die letzte Pitta der Auslage. Wieder türmten sich dunkle Wolkenmassen; ich fand da Schutz und Schlafplatz in einer Leeren Einkaufwagenreiher des sonntäglich geschlossenen Lidelsupermarkts. Erquickt und schon im Begriff nun wieder weiter zu gehen, öffnete der Himmel erneut die Schleusen; ich setzte mich wieder; kramte das Neue Testament heraus, das mittlerweile nur noch eine lose Blattsammlung war und schlug willkürlich auf; der zweite Brief des Paulus an Timoteus, Kapitel 4: "Ich beschwöre dich ... verkünde das Wort, sei zur Stelle, gelegen oder ungelegen ...". Ein Mann kam vorüber, blieb stehen und schimpfte; ich wußte dazu keine Erwiderung und zuckte mit den Schultern.
Montag, den 29. Juli 02
Kam gegen 20 Uhr in ein Dorf nahe Trapeza, Diakofto 2 3 4 muß es wohl gewesen sein, und da, bei einer Ruhepause auf der Bank, setzte sich ein älterer Mann hinzu. Wir unterhielten uns auf englisch. Er sagte, seit zwanzig Jahren habe er es nicht erlebt, daß es hier im Juli schon regnet. Normalerweise beginne der Niederschlag erst ende August. Er fragte, wie lange ich schon unterwegs sei. Über die Antwort staunte er. Auf seine nächste Frage ließ ihn meine Antwort gänzlich verstummen. Ich ging weiter, über den Bahndamm, ein Stück der Dorfstraße entlang. Hier kam mir ein junger Papas entgegen. Er ließ das an einer Perlenschnur befindliche Kreuz beschwingt um seine Hand kreisen. Wir sahen uns an, meinen Gruß jedoch irgnorierte er. Kurz vor einer Kneipe hörte ich dann wieder einmal den Ruf "Bin Ladin". Die vielen Männer an den Tischen vor dem Lokal, saßen da wie hypnotisiert, ich ging wortlos vorüber. Hinter dem Ort, unter der Brücke über die Bahngleise, auf der Höhe des kleinen Hafens, fand ich auf einem Betonabsatz einen Schlafplatz, die Nacht blieb trocken.
In Derveni hielt anderntags ein Junger Mann mit seinem Moped neben mir. Er reichte mir wortlos freundlich die Tüte, die er von dem Lenkradsgriff abnahm, und fuhr wieder davon. Der Inhalt bestand aus einer kleinen Flasche eiskühlen Wassers und etwas zu essen.
Am Nachmittag waren das Meer, die Wolken und die Berge jenseits des Golf von Korinth eine einzige Dunkelblauabstufung. Die Straße schlängelte seit langem immer dicht am Wasser entlang. Ein Ort verschmolz in den anderen. Die noch frühreifen Früchte eines Feigenbaums brannten auf der Schleimhaut des Mundes. Eine ältere Frau lief von der anderen Straßenseite kommend hinter mir her und fragte mich, ob ich Tomaten wolle. Ich bejahte und folgte ihr zum Haus. Sie und ihre Töchter waren gerade mit dem Auto zurückgekommen. Diese entstiegen nacheinander dem Wagen und trugen den im Kofferraum befindlichen Einkauf hinein. Die gute Frau reichte mir eine der Tüten und kramte ein paar Münzen aus ihrem Portemonnaie, zu denen die ältere Tochter noch etwas hinzugab. Als ich mich bedankte, traten ihr die Tränen in die Augen. Nun ungehalten, schickte sie mich mit einer Geste ihres Arms davon. In der Tüte befindlich fand ich Tomaten, Schafskäse, Grau- und Weißbrot.
Dienstag, den 30. Juli 02
Hatte am Abend in Kamari drei Mädchen angesprochen. Sie gefragt, ob sie glauben, jemand störe sich daran, wenn ich bei der Kirche schliefe. "Nein", bekam ich zur Antwort, "das sei schon möglich, aber es werden hier noch bis spät in die Nacht die Kinder spielen". Eines der Mädchen zeigte mir nun eine kleine Straße zum Strand. "Gleich gegenüber ist das Rathaus und da können sie auch schlafen." Da war ein stiller, 2 1/2 m breiter betonierter Weg, eingefaßt von den hohen Grundstücksmauern der Nachbarhäuser, an seinem Ende führten ein paar Stufen zum Kieselstrand hinab. Ein Olivenbaum bordete mit seinen Zweigen herüber, darunter legte ich die Folie aus.
In Klato fand ich an der zweiten Kirche einen funktionierenden Wasserhahn. Nachtmittags und abends schritt ich entlang einer verkehrsreichen, seit der Entfernung vom Wasser auch zunehmend unschönen Strecke. Im Westen zogen Gewitterwolken auf. Da war ein kleiner Ort mit offener Kapelle neben dem Rathaus, auf dessen Treppenaufgang ich mich zur Nacht niederließ.
Gegen 20 Uhr in Theodori, ich hatte mein letztes Geld ausgegeben und saß mit geschlossenen Augen auf einer Bank vor der Kirche; als ich wieder aufsah, fiel mir eine Frau auf, die etwas ungelenk und unschlüssig über den Platz ging, plötzlich jedoch auf mich zusteuerte und mir mit freundlichem Blick ein Zweieurostück in die Hand drückte. Ich bedankte mich mit "Ephkaristo" und dachte freudig, daß Gott nicht lange auf sich warten ließ. Kam danach noch in Kontakt mit einem Griechen, der mir erzählte, er sei schon in Hanover, Hamburg und Wolfsburg gewesen und danach für 23 Jahre in Australien. Letzteres sagte er mit einem gewissen Stolz. Die Nacht schlief ich unter der überdachten Tür des Rückwärtigen Kircheneingangs. Am morgen öffnete jemand von innen, schlug aber bei meinem Anblick gleich wieder zu.
Konnte in Kineta 1Kilo Brot und einen halben Liter Milch kaufen, fand auch unterwegs ein paar mal eßbare Feigen. Der Fahrer eines deutschen Kleinbusses rief mir ein Lob zu, sagte, mein Vorankommen sei spitzenmäßig. In Megara erfrischte ich mich an einem Tankstellenwasserhahn und hielt Liegepause auf dem Parkplatz des Friedhofs. Ein älterer Mann wies mich hier auf die Wasserstelle hin und erzählte, er sei lange Jahre in Deutschland, und zuletzt bei Miele in Gütersloh beschäftigt gewesen. Frau und Tochter pflegten das Grab. Das sein Auto noch immer ein deutsche Nummer trug beruhte auf einem Trick. Für früher 60, nun 100 Euro meldete eine Argentur die Autos jeweils für ein halbes Jahr in Deutschland an.
Ein paar hundert Metern weiter stellte ich mich beherzt neben den Eingang des Diskounters; den Stock in der Hand, die Alu schale mit den Fingern darangeklemmt, eine zweite, etwas größere Schale stand auf dem Boden daneben. Innerhalb kurzer Zeit erhielt ich ein paar Spenden, dann kam auch schon der Herr mit dem Security-Aufnäher am Hemd; locker und freundlich trat er auf mich zu und sagte: "you must go". Ging nun in den Laden und kaufte da noch einen Halbliterbecher Fruchtjogurt. Als ich wieder herauskam, waren noch drei Euro in der Schale neben dem Rucksack dazugekommen.
Freitag, den 2. August 02
Am Abzweig zur Fähre nach Perama über die Halbinsel Peramos war ich eine ganze Weile am Überlegen, ob ich nicht hier entlang gehen sollte, dachte, daß Geld würde für für die Überfahrt nach Piräus reichen. Entschloß mich aber anders. Fand nun die aufgegebene Industrieanlage gleich dahinter einen zweiten Blick wert. Der Zaun war an mehreren Stellen durchbrochen. Hinter dem Hauptgebäude lag der Hof voller leerer Eisenfässer. In der Halle standen riesige Tankbehältnisse; von mir aufgeschreckte Tauben flatterten darin herum; ein abgemagerter Hund stromerte über das Gelände. Ich richtete mein Lager auf der überdachten Rampe. Ab und an ertönte es hier in der Nacht wie Paukenschläge, wenn sich wieder einmal ein Faß infolge der Temperaturveränderung zusammenzog.
Einkauf von einem Liter Milch, einem Kilo Brot und einem Sesam-Riegel. In Loutropirgos rief mir der Wärter einer Tankstelle hinterher und reichte mir eine Dose Limonade aus dem Kühlschrank. Ich hatte gerade einen ziemlichen 0-Punkt erreicht.
Mittags in Elefsina erfrischte ich mich von der drückenden Hitze am Bewässerungsschlauch einer kleinen Grünanlage.
Saß dann zur Pause auf dem Mäuerchen neben einer Firmeneinfahrt an der autobahngleichen Hauptverkehrsstraße nach Athina.
Ging auf einem Schotterweg neben der Fahrbahn. Beim grünen Rondell der Zolleinfahrt bot sich ein herrlicher Ausblick auf den Saronikos Kolpos mit den darin zahlreich vor anker liegenden Schiffen und ließ mich von einer Heuer träumen.
Am Abzweig Piräus beobachtete ich junge Männer, offenbar Emigranten indischer oder philipinischer Herkunft, die an die an Ampeln wartenden Autofahrer kleine Wasserflaschen verkauften. Ging nun bergan Richtung Piräus. Schlief die Nacht kurz vor der Stadt rechts der Straße auf einem Seitenweg im Innenzelt. Kleine Stecher piesackten mich dennoch derart, daß ich mich in den Schlafsack flüchtete, da wiederum geriet es mir zur Schwitzpartie.
Anderntags setzte ich mich auf die Bank eines kleinen Parks und fand dazu ein Briefchen Neßkaffee. Löste das Pulver in der kleinen Flasche mit kaltem Wasser auf. Kam danach zu einem großen Supermarkt an dessen Parkdeckeinfahrt ich mich mit der Sammelschale im Schatten eines Eukalyptusbaumes postierte. Bekam da bis 17 Uhr 25 Euro an mitunter sehr freundlichen Spenden; wovon ich 18 gleich wieder ausgab, für Lebensmittel und ein paar neue Sandalen.
Legte danach den Schlafsack zum Trocknen in die Abendsonne. Erkannte auf der Straße die hier bedeutendere Rolle der Motorräder und -Roller. Der Einkauf wurde daran befestigt, bis das Gefährt wie ein Lastesel aussah. Ungewohnt war mir auch immer noch der Anblick der Frauen, die seitwärts im Damensitz auf dem Sozius schoffiert wurden.
Im Park spielten die Männer Fußball. ein Spielzeugauto sauste durch die Gegend, ein paar Kinder mit Eltern und Hund auf den Bänken am Sportfeld, eine hübsche Frau nahm mich mit ihrer Digitalkamera ins Visier. An der Straßenkreuzung wurden jetzt vom Mittelstreifen aus Blumensträuße verhandelt. Ich ging ein Stück Richtung Perama den Hafenanlagen entlang, kam rechterhand über eine Treppe auf einen Kirchplatz, auch hier, wie schon öfter erlebt, fehlte dem Wasserhahn der Schwenkarm; Drehknöpfe sind in Griechenland eher etwas ungewöhnliches. Noch ein paar Stufen hinauf, zu einer kleinen Straße, da, auf einer Terrasse nahm eine Frau ein Fußbad, ich zeigte ihr die lehre Flasche und bat sie um Wasser. Die Frau rief nach ihrer Mutter, die kam heraus, nahm mir die Flasche ab und verschwand im Haus. Eine andere Frau mit kind kam hinzu. Wir versuchten uns in Kommunikation zu begegnen, sie sprach von meinem langen Bart, von Autofahrern und vom Pfarrer, wünschte mir zum Abschied, daß Gott mit mir sei. Wieder an der Hauptstraße verfolgte ich einen spitzwinkligen Abzweig links hinein, entlang einer Balustrade mit Bänken und jungen Bäumen. Ein alter Mann am Weg aß Nüsse und Rosinen, sprach etwas Deutsch, fragte, wo ich schliefe. Ich sagte, ›ich schaue mal‹. Noch ein Stück des Wegs bediente ich mich an den zahlreichen reifen Früchten eines Feigenbaums. Ging wieder zurück zum Kirchplatz und wusch mir da, so gut es ging, die klebrige, schmierige Schweißschicht mit angefeuchteten Papiertaschentüchern von der Haut. Meine Füße waren hypersensibel und von juckenden Einstichknoten übersät, von einer neuen Art, die nicht so schnell vergingen. Verschlief die Nacht auf der Bank vor der Kirche, mit ein paar Unterbrechungen ob der lauten Straße, aber ohne Mücken, bis ins Morgengrauen. Ich packte schon meine Sachen, als die Küsterin aufschloß. Wenig später, ich kämmte mir gerade durch den Bart, gab mir ein Mann freundlich die Hand, darin 10 Cent befindlich. Der Papa fuhr mit dem Auto vor und verschwand in der Kirche. Ich verabschiedete nun hier meine alten, durchgelaufenen Sandalen in den Abfall. Folgte den Schildern in Richtung Piräus. Vor einer großen Kirche, aus deren Tür Sprechgesang zu hören war, fand ich die Zeit reif für eine besinnende Bettelpause und positionierte mich etwas abseits des Eingangs mit der Sammelschale. In 1 1/2 Stunden kamen und gingen hier zahlreiche Menschen an mir vorüber, gaben mitunter auch, schließlich drückte mir eine Frau dezent noch einen klein gefalteten Schein in die Hand. Vor dem Gehen entzündete ich in der Kirche eine Kerze.
Saß den Nachmittag auf einer Schattenbank am Fährehafen. Eine alte Frau, buckelig, mit ungepflegten, ödematösen, und ulzerierten Beinen, ein Gehgestell vor sich, bettelte aufdringlich zeternd die ganze Zeit über recht erfolgreich die Passanten an. Die Promenade wurde zyklisch mit, aus den angekommenen Fähren strömenden Urlaubern überflutet, die dann scharenweise vor uns nach einem Taxi winkten. Eine französische Familie spießte sich an meiner Muschel auf, kam zurück und ins Gespräch. "Jerusalem ist so schön! Aber seien sie vorsichtig!". Ein streunender Hund machte sich über meinen Notizblock her, zerbiß ein leeres Blatt und den Kuli.
Montag, den 5. August 02 in Piräus
Schlief die Nacht mit Hafenblick hinter dem verwaisten Zollabfertigungsgebäude unter dem Vordach. Die erleucheteten Fenster des Nachbargebäudes behielten mich im Blick, sie gehörten der Hafenpolizei. Es lagen da schon ein paar Nichtseßhaftenutensilien, große Pappen. ein Koffer und ein Wassernapf für Hunde.
Irrte den Vormittag durch Piräus. Am kleinen Bahnhof wusch ich mich ausgiebig, tankte Wasser und setzte mich wieder auf eine Bank bei den Fähren.
So ohne Bettelschale zu sitzen, war mir wie arbeitslos zu sein oder noch schlimmer und so stellte ich schließlich den Alutopf vor meinen Rucksack. Fast im selben Moment setzte sich ein Mann auf das Geländer am Grün neben meiner Bank. Er war in meinem Alter, kam aus Sri Lanka, hatte auf einem Schiff gearbeitet dessen Eigner ihm noch den Lohn schuldete und gegen den er darum prozessierte. Die Frau, an Schilddrüsenkrebs erkrankt, starb vor einem halben Jahr in der Heimat. Sein 18 Jahre alter Sohn, der dort noch lebte, wollte am liebsten zu ihm nach Griechenland kommen. Ein paar britische Freunde erwähnte er, die in Athen vom Betteln lebten. Er warnte mich vor den hungrigen und aggressiven Albanernen. Ich solle auf meine Sachen acht geben. Er wies mir die Stelle, an der ich hier am Hafen Schwarzmarktzigaretten kaufen könne. Erklärte mir, daß es an jener Kirche, gleich dort hinten ab nächster Woche wieder einen Mittagstisch gäbe und so weiter ... er käme fast jeden Tag hier vorbei. Ich gab ihm etwas Geld mit auf den Weg. Vielleicht 10 Minuten später spendete mir eine junge Frau den dreifachen Betrag.
Mittwoch, den 6. August 02 in Piräus
Stand den Vormittag an der Büro-, Gastronomie- und Einkaufszeile Akti Miaouli gegenüber der Hafenpromenade. Nach Einkauf im Supermarkt gemeinsames Essen mit Pedro auf unserer Bank. Lernte da durch ihn den Bruder Anthoni aus Portugal kennen, auch er ein ehemaliger Matrose.
Mittwoch, den 7. August 02 in Piräus
War dem Tip von Pedro gefolgt und hatte mich in den Bus hinaus nach Glifada gesetzt. Stand da den Vormittag mit recht guter Akzeptanz in der Näher einer Bankfiliale. Mittags, auf dem Weg zurück zur Bushaltestelle, sprach mich ein Mann auf die Muschel an meiner Tasche hin an und fragte, ob er mich zum Essen einladen dürfte. Wir saßen zu dritt da, mit seiner Partnerin Denise, erzählten uns aus unseren Leben, von unser Welt- und Gotterfahrung. Sie deuteten an, daß sie sich in der glücklichen Lage befänden, finanziell unabhängig zu sein; sprachen von ihrem karritativen Engagement an Kinderheimen in Syrien, gaben mir Hinweise zum weiteren Weg. Christian machte Andeutungen zu ihrer besonderen Spiritualität. Sagte, wenn ich Interesse hätte, könnten wir uns anderntags noch einmal treffen, zu einem Ausflug in den Garten des Pythagoras, da würde er mir mehr darüber erzählen. Auf mein Nachfragen, worum es dabei ginge, sagte er, - und hierbei sah er nicht zu mir, sondern in kurzer und intimer Weise zu Denise, wie wenn er mit ihr etwas kommunizierte - "Es handelt sich dabei um die Materialisation der Seele". Hauptsächlich mit der Bearbeitung und Zuführung meines Mahles beschäftigt, verdrängte ich den augenblicklich aufkommenden Zweifel an der Seriosität meiner Gastgeber. Dachte da nur so nebenbei im Hinterkopf etwas wie, ›nanu, was ist das denn‹ und ›na, damit komme ich schon klar‹. Ich willigte ein. Wir verabredeten uns für 10 Uhr am Hafen. Das übrig gebliebene Essen ließ man für mich einpacken, ich sollte am Abend noch etwas, aber nicht zu viel zu mir nehmen, am Morgen aber besser nüchtern bleiben, da es eine intensive Unterweisung über drei Stunden würde. Denis kaufte mir noch ein paar griechische Süßigkeiten, bat die Verkäuferin von uns ein Foto zu knipsen, mit mir "in vollem Ornat" wie sie sich ausdrückte. Sie meinte damit, mich mit Rucksack, Wanderstab und Bauchtasche gerüstet. Schließlich erhielt ich noch zwei Telefonnummern, eine von einem schweizer- und eine von einem griechischen Handy; falls etwas dazwischen käme; zwanzig Euro auch als Hilfe, zum Telefonieren und zum Teilen mit Pedro, von dessen Bekanntschaft hatte ich ihnen etwas erzählt.
Als ich ihm am Nachmittag 10 Euro reichte, begann Pedro augenblicklich zu weinen. Ich erlebte ihn an diesem Tag zum ersten mal betrunken.
In der Nacht am Schlafplatz verlor auch ich meine Fassung. Die Begegnung, das mittägliche Gespräch, hatte meine Nerven entzündet. Die Szenen, Worte und gedanklichen Assoziationen erhitzen mein Gehirn in einer endlosen Revolte: Vertrauen oder Misstrauen? Was ist Gottes Direktive? Was bedeutete das, ›die Materialisation der Seele‹? Dieser stumme Blickkontakt dazu? Hieß so nicht auch Sterben? Psychologie und Medizin Studierte, nun in der Kosmetikbranche - ich war ein namenloser Obdachloser, seit Jahren fern der Heimat. Mein Verschwinden würde lange niemand kümmern. Was bedeutete denn dieses ›abends wenig, morgens garnichts zu mir nehmen‹? Das klang doch wie die Standardinstruktion - ›Vorbereitung des Patienten zur Op‹! Wurden hier Obdachlose selektiert? Organverwertung? In diesem Milieu zählen meine Organe ja doch noch zu den besten. Du warst Insider im medizinisch industriellen Komplex. Du weißt wie "detached" manchmal der Krankenhausarzt zum Tod steht. Dies ist ja noch ein beinahe anarchisches Land, in dem Gesetz und Recht nicht viele Hindernisse stellen. Gibt es den solcherart willfährigen und abgebrühten Mediziner? Wenn ja, dann bist Du schon verloren wenn du nur in sein Auto steigst. Dazu braucht es doch die klinische Infrastruktur! Kann man diesen Apparat zu solchen Zwecken hintergehen? Reicht da womöglich der Keller-Op? Hat Pedro etwas damit zu tun? Bin ich paranoid geworden? Ich brauche ja nicht hinzugehen. Aber dann, da bleibt das Schicksal meiner Straßenbrüder, die Ungeheuerlichkeit dieses Tuns.
Früh morgens mußte ich dem Wachhabenden an der Pforte der Hafenpolizei erklären in welcher Angelegenheit ich den polizeilichen Bereich zu berühren wünsche. Es war mir da einer der äußersten geistigen Anstrengung dies in knappe und vernünftig klingenden Worten zu kleiden. Ich scheue mich das hier noch einmal zu versuchen. Es gelang und er erklärte mir, wie ich das zentralen Polizeirevier von Piräus fände. Dort mußte ich meinen Rucksack öffnen und nach Inspektion unten stehen lassen. Zum Immigration Officer im 4. Stock verwiesen, gelangte ich nach der Registrierung meine Personalien in einem großen Buch. Der Beamte oben gab sich aufgeschlossen, ein weiterer, der Deutschen Sprache mächtig, wurde hinzugezogen. Der Kreis um mich vergrößte sich schließlich auf vier Personen. Mein Eindruck war, ich wurde durchaus ernst genommen. Das traurige, nachvollziehbare Ergebnis jedoch, man erklärte mir, es läge kein ausreichender Tatbestand vor, der ihr Aktivwerden rechtfertige. Man riet mir eindringlich davon ab, der Verabredung folge zu leisten. Alles was man für mich tun könne sei, mir eine Telefonnummer mitzugeben. Ein uniformierter junger Mann, der zuletzt mit mir verblieb, sagte allen Ernstes: "Geben sie auf sich acht, seinen sie vorsichtig, alle Griechen sind Verbrecher, ungeachtet der äußeren Ärmlichkeit sind sie Objekt für kriminelle Absichten". Diese Sichtweise war mir natürlich eine berufsbedingte psychopatologische Entwicklung. Organhandel
Wenn ich auch berücksichtigte, daß Menschen mit derartigen Absichten, sich normalerweise nicht mit solchen Details wie "Medizin- und Psychologiestudium", sowie mit der eh schon verruchten "Kosmetikbranche" offenbaren würden, sich nicht solchen Vokabulars wie es das Wort von der "Materialisation der Seele" war, bedienen würden, sich nicht mit so eindeutiger Instruktion wie zum "nüchtern bleiben" geradezu verraten würden, so mußte ich mir doch eingestehen, das die Eloquens ihres Gesprächsverhaltens sie durchaus auch selber in einer täuschenden Sicherheit gewogen haben konnte, und das dies nichts desto trotz eine Reihe von ziemlich eindeutigen Hinweisen war, und ich mich deshalb noch nicht geschlagen geben durfte. Ich ging in das nächste Internetcafe und beschrieb meine Erfahrung und Befürchtungen in mehreren Emails an die Redaktionen großer Deutscher Publikationsorgane, und appellierte darin an den engagierten investigativen Journalismus derselben. Wie sich später herausstellen sollte war dies auf ganzer Ebene vergebliche Liebesmüh.
Ich fand den Geist in einer ungesunden Disposition. Er war mir wie eine große Schar von aufgescheucht umherflatternden Tauben. Ich fragte mich, ›heißt Christ sein sich auch in solcher Art zur Schlachtbank führen?‹
Pedro erwähnte ich nichts von meinem Gang zu Polizei, sagte ihm lediglich mir wäre die Angelegenheit in der Nacht zu unheimlich erschienen. Ich wurde dann von seinem Weltschmerz überschüttet. Wie einem Beichtvater gestand er mir seine beinah endlose Kette von "wilden" Taten. Am Abend saßen wir zu dritt auf der Bank, Pedro, Anthoni und der alter Zigarettenverkäufer.
Am nächsten Vormittag stand ich wieder in Glifada. Ein Polizeibeamter fand sich vor mir ein; ich sagte:"hello Sir", er sagte: "Hello - where are you from?" „Wo bist du her?“ Meine Antwort verstand er erst bei der dritten Wiederholung, dann verließ er mich wieder, ohne Einschränkung, ohne Verbot. Ein schwarzafrikanischer fliegender Händler begrüßte mich freundlich mit "hello my friend", und verteilte seine bunte Handtaschenkollektion über ein Tuch auf dem Trottoir. Am Nachmittag las ich in der Zeitung und ging zum Bahnhof mich da zu waschen.
Piräus, den 10. August 02
Als ich erwachte lief gerade die Golden Princess, ein beeindruckend großes Kreuzfahrschiff, wie in Zeitlupe in den Hafen ein. Um 7 Uhr, mit dem Leuten der Kirchenglocken, war ich aufbruchfertig. Der Bussfahrer gab sich verärgert, daß ich vorne einstieg und ihn nach Glifada fragte. Seine Antwort: "Das müßtest du nun aber schon wissen."
Ich saß diesmal zu Beginn im Schneidersitz vor der Begrünung, als ein Kinderwagen vor mir hielt und aus dem Kleinkindhändchen eine Münze in meine Hand fiel, dazu das freundliche Wiedersehenslächeln der Mutter auf mein Haupt. Es ging spät los. Las erst noch lange in der Zeitung vom Mittwoch. Aber, die Menschen kamen dann doch, sehr entspannt und Gebefreudig. Ein Stamm-Client spendete mir mit den Worten "hello Carlos", so nannte mich auch Pedro seit einiger Zeit, ich fand es überflüssig ihn zu korrigieren. Als der letzte Streifen Schatten gerade vor meinen Füßen stand machte ich wie immer Schluß.
Ganz nett fand ich an diesem Vormittag eine kleine Nebenbei-Funktion. Der Laden neben mir, Carouzos Stock, hatte geschlossen, ein Zettel klebte an der Tür, der auf einen zweiten Eingang verwies, die meisten Kunden wußten aber diesen nicht zu finden und so gab ich ihnen den Hinweis.
Mit dem Expressbuss E1 gelangte ich recht schnell zurück nach Piräus. Abends am Hafen freute sich der sechzig Jahre alte Safiri, ein griechischer Sailor, nach vielen Jahren wieder einmal Deutsch sprechen zu können. Er erzählte mir, wie so viele hier, von den schönen, aber leider längst vergangenen Seemannszeiten, über Frauen und Bier, über schwere Erdbeben in Griechenland, über die orthodoxen Papas, die sich ihr Haar nicht schneiden dürfen, aber auch von dem Dilemma der griechischen Seeleute, die mittlerweile alle durch Russen, Albaner und Phillipinen verdrängt wurden, die die Arbeit für die Hälfte oder noch weniger tun.
Pedro kam spät noch hinzu, die Unterhaltung ging dann auf englisch weiter. Gegen 23 Uhr begannen die beiden über "Matchboxpreise" zu sprechen und ich wurde verabschiedet, das war wohl ein Thema, daß mich nichts anging.
Piräus, den 11. August 02
Am Nachmittag erwanderte ich mir ein paar unbekannte Straßen. An einem Kiosk aß ich ein Eis und kam ins Gespräch mit dem jungen Verkäufer Konstantinos. Er stellte mir viele interessierte Fragen und sagte: „Ein Grieche könnte soetwas nie machen. Die jungen Leute sind hier sehr materialistisch und bleiben lieber zuhause.“ Neben seinem Studium schrieb er Texte, die er zur Gitarrenbegleitung seines Freundes sang. „Vielleicht thematisiere ich auch dich einmal einmal darin“, sagte er zu mir. Zum abschied forderte er mich auf, von seinem Kiosk noch etwas zu essen mitzunehmen. Ich griff nach einer Tüte Chips, die er um eine Flasche Limonade ergänzte. Saß dann im Park mit der Zeitung, aß und laß.
Mittwoch, den 14. August 02
Als ich heute morgen meine Stehung in Glifada aufnahm, hielt da plötzlich eine alte, recht dezent gekleidete Gitano-Frau zwanzig Meter vor mir die Hand auf. ›Da kannst du nichts machen‹, dachte ich, steh's aus und bete, dass es für uns beide reicht, eine halbe Stunde später war sie wieder verschwunden.
Eine Frau erriet, dass ich nach Jerusalem wollte. Sie erklärte, sie sei sich in ihrem Glauben nicht sicher. Ich stellte mir dazu die Frage des Bedeutungsunterschieds der Vokabeln faith und believe.
Eine Engländerin mit ihrem Alzheimerkranken Mann fragte ob ich Yoga mache. „Nein, eher eine Art von Meditation“, sagte ich. „Mein Sohn war früher auf ähnliche Weise in Amerika unterwegs. - Kehrst du nach Erreichen von Jerusalem zurück?“ Zum Abschied sprach sie: „Es gibt da im Griechischen ein Sprichwort, das lautet übersetzt, ›alles in Maßen‹, settle down again, werd wieder sesshaft“.
Zwei junge Frauen liessen, so zu sagen im Vorbeiflug, eine Banknote erster und zweiter Ordnung in den Alu-Topf fallen.
Fünf Frauen, teilweise bis völlig verhüllt, schlendern zweimal vorüber, zum Dritten fiel aus der Hand einer ganz in Schwarz Gekleideten, in seltsam verrenkter Bewegung, eine Münze. Sah nur einen fingerbreiten Schlitz von ihrem Gesicht, es schienen junge Augen, ich war mächtig berührt.
Pepperoni, Knoblauch, Oliven, Schafskäse, Vollkornbrot und Pfirsiche, so die Zutaten des Abendmahls mit Pedro und Anthoni auf der Bank am Port. Es schmeckte uns wunderbar und wir danken Jesus einmütig dafür, blicken dazu auf zum Kreuz der Kirche gegenüber. Kurz darauf spaziert ein Papa vorüber.
15. August 02
Am Vormittag kam ein Gitano-Kind mit der Mundharmonika daher, spielte lustig einen Dreiklang und bekam eine kleine Spende.
Zwischen dem größten Hochhaus Griechenlands und meinem Supermarkt saß ein alter Clochard mit gewaltigem rotblondem Bart auf den beschatteten Stufen. Ich sprach ihn an. Es war Johann aus Österreich. Er sprach überraschend klar und artikuliert, ging schon auf die Siebzig zu. Wenn sein Erzählen zutraf, war er schon Krankenhausarzt, Boxer, Rennfahrer, Musiker und Sänger gewesen. Er wünschte sich jetzt nach Österreich und in ein stinknormales Landleben zurück. Ich schätzte ihn sehr intelligent ein, andererseits kamen mir auch ein paar Zweifel ob seiner Zurechnungsfähigkeit. Er trank griechischen Wein mit Cola und lebte von Ölsardinen. Er war sehr froh darüber, daß ich ihn angesprochen hatte.
Später, zum Abendmahl mit Pedro und Anthoni erschien er jedoch nicht. Pedro hatte gleich zwei Jobs angeboten bekommen und wollte einen an Anthoni abgeben. Anthoni erklärte mir den Weg zur Deutschen Botschaft. Die Zeitung berichtete über Jahrhunderüberschwemmungen.
In der Nacht hinter der Portpolice im Schlafsack erwachte ich mit einem Aufschrei, ich hatte das Gefühl gehabt, jemand strich mir mit der Hand über die Brust.
17/18. August 02
In Glifada war sehr wenig los, das Urlauberpublikum wurde deutlich weniger. Lag den Nachmittag am Schlafplatz, es regnete. Abendbrot mit Pedro, er hatte gearbeitet und brachte etwas mit. Die Knossos-Palace-Fähre, beinahe so groß wie ein Fußballfeld, lief gerade ein. Staunte wie sich das Schiff um die eigene Achse drehen konnte.
Pedro und Anthoni waren jetzt öfter sehr betrunken, in diesem Zustand nahm ich vor ihnen reißaus.
In der Nacht fiel weiter etwas regen, am Morgen kam noch Donnergrollen hinzu. War auf dem Consulat. Im Warteraum waren die Schalter heftig abgeschirmt. Die Kommunikation lief per Mikrophon durch dicke Glasscheiben. Weil gerade der Strom ausgefallen war, öffnete die Frau die Dokumentendurchreiche zur Hälfte um eine Verständigung zu ermöglichen. Mußte eine Formular ausfüllen und zwei Passbilder dazu geben. Bekam eine Telefonnummer. Sollte in zwei Tagen anrufen. Ein etwas abgerissen aussehender junger Mann bat recht aufdringlich um eine Finanzhilfe, die jedoch abgewiesen wurde. Er blieb hartnäckig, bestand auf seinem Recht auf Hilfe, ließ sich den Namen des Beamten geben, außerdem verlangte er einen Termin mit dem Vorgesetzten. Deutsche Botschaft in Athen
Jane fragte mich in Glifada erneut, was ich nach Israel machen würde und bat mich für sie zu beten. Eine Frau schenkte mir eine Tüte mit Käsegebäck und ein paar Feigen.
21. August 02
Anruf im Konsulat, Auskunft, ich kann den Ausweis bekommen, er soll nun nur noch 13 Euro kosten. Die Frau redete mir zu mir doch einen 10 Jährigen für 26 Euro ausstellen zu lassen und sagte, ich solle den Personalausweis nicht vergessen.
Abendmahl mit Pedro und Anthoni. Pedro legte eine kleine Mahlzeit für seine verstorbene Frau beiseite. Heute, wie ich das hier schreibe, wird mir bewußt, das Pedro ja wohl eigentlich Buddhist oder Hinduist sein mußte, ich kann mich nicht erinnern, ob wir jemals darüber sprachen.Zur Nacht lag ein Schiff der Marine auf der anderen Seite des Zauns bei meinem Schlafplatz vor anker. Zwei in Tarnanzügen und bewaffnet davorstehende, sehr grimmig dreinblickende wachhabende Militärs schickten mich von dem Gelände weg. Mein hustender Nacht-Kumpan kam wenig später auch mit seinen Pappen unter das Vordach des Abfertigungsgebäudes. Er versuchte da noch vergeblich mit einem Stein die Deckenbeleuchtung auszuschalten.
23. August 02
Vormittags recht einträgliche PR-Arbeit an der Miaouli-Staße. Auf der Hauptpost machten sich die Schalterdamen schon lustig über mich. Ich kam seit einer Woche wegen eines Päckchens mit Schuhen von Holger. In der Bahnhofstoilette war der Drehknopf des Wasserhahns über dem Waschbecken abmontiert, wusch mich nun an der Wasserstelle vor dem Gebäude. Im Supermarkt war diesmal nicht mein Freund hinterm Tresen. Dieser junge Mann drehte mir endlos den Rücken zu und aß derweil in aller Seelenruhe aus einer Plastikdose. Begegnete 2 oder 3 mal Anthoni, er war betrunken und redete mehr in Zungen als verständlich. Safiri erzählte am Nachmittag über den Toten Onassis, sagte er sei wahrscheinlich von den Amerikanern umgebracht worden. Die griechischen Seeleute seine die besten. Griechenland hat die meisten Schiffe. Hamburg hat ihm sehr gefallen.
24. August 02
Mehrere streundende Hunde schnüffelten zwar mal kurz an dem von mir für sie gekauften Trockenfutter, fraßen aber nicht davon. Abendbrot wieder zu dritt, Anthoni war nüchtern und kommunikabel. Als ich fragte, wo man billig Unterhosen kaufen könne, war das plötzlich ein Thema gemeinsamen Interesses und so verabredeten wir uns für den Sonntag zum Gang auf den Markt. Ein einzelner herrenloser schwarzer Hund gesellte sich zu uns. Er ließ sich streicheln, bekam etwas Feta und Wasser, machte uns Freude mit seinem Spiel an der leeren Petflasche. Ein anderer Stromer gesellte sich noch hinzu. Eine kleine hagere, schmutzig bunt gekleidete und recht verlebt aussehende Gitano-Frau aß etwas Brot und Käse mit uns und machte dazu anzügliche Späße, wie die Andeutung der Ehestandsaktivitäten mit ihrem wie aus Gummi wippenden Unterleib. Sie führte auch ein kleines Stöckchen mit sich und drohte hin wieder spaßhaft damit; Barthaare zierten ihr Kinn.
25. August 02
Safiri schenkte mir zwei große Pittas. Abends auf der Bank war Pedro etwas traurig um die Augen und angetrunken. Er erzählte von seinem Telefongespräch mit der Mutter in Sri Lanka. Die Mutter hätte für ihn eine Frau mit Kind ausgesucht, aber davon möchte er nichts mehr wissen. Seinem Sohn, der zu ihm kommen will sagte er, ›wenn du kommst, dann nur auf dem Landweg‹. Er erklärte mir, daß das sehr schwierig ist, und ihn sicher daran hindern werde.
26. August 02 in Piräus
Seit einer Stunde glücklich allein, ich entließ die Augenlieder bis zur Hälfte der Befreiung.
Das Bewußtsein fand sich schon zuhause, in der vom Abwind moderierten Brandung, ... des sexspurigen ampelregulierten Wellentosen, ... der Mobilkrampfdröhnung, ... der Fluten der Explosionslokomotionen, ... der blechpanzernen Raum-Zeit-Kraft-und Statusextensionen, ... der sich in Fluchtgeschwindigkeiten zelebrierenden Memesis.
Etwas Feuchtes berührte da meine Hand. Als ich aufsah, war es der schwarze Hund, den wir in den letzten Tagen schon bei uns hatten. Er leckte mir die Pfote. Ich streichelte ihn, gab ihm etwas Wasser mit Milch, dann legte er sich schlafen, gleich hinter der steinernen, lehnelosen Bank, auf der ich Aufrecht-Haltung zelebrierte.
Pedro kam, er hatte nicht gearbeitet, war angenehm wortarm, schien noch von gestern zerknirscht. Die alte Frau mit dem Gehgestell und den offenen Beinen bat um eine Gabe. Ich reichte ihr auch einen Becher Wasser, den aber mochte sie nicht; ›nur Cola‹, sagte sie. Pedro ging und brachte ihr eine Dose vom Kiosk.
Abendbrotgemeinschaft; unser vierbeiniger Freund mochte die in Sadinenöl getauchten Brotstückchen von uns.
27. August 02 in Piräus
Die Taxis: Gelb, Orange und Eierschalfarben; mit und ohne blauem Streifen; große Modell- und Jahrgangsvielfalt; von neu bis unvollständige Karosse. Die Fahrer: manchmal faul und lässig, mit dem Glimmstängel im Mundwinkel, mal auch zuvorkommend und hilfsbereit beim Verstauen des Gepäcks. Die potentiellen Fahrgäste müssen erst mal sagen wohin sie wollen, oft wird die Fahrt auch verweigert.
Die vielen Kettchenschwingenden (Kombolói ) Männer gehören bei der Beschreibung des griechischen Straßenbilds natürlich erwähnt; auch das geschwinde dreifache Bekreuzigen der Menschen beim Passieren eines Kirchenbaus, oder die Bürokraten, die hier auf zweirädrigen Hengsten reiten; das heißt, sie fahren auf einem schweren Luxusmotorroller bis vor die Verwaltungstür.
Gitanos von Piräus: Sie schienen sich hier gerade exponentiell zu vermehren; überall zogen sie wie Vogelscheuchen kostümiert durch die Straßen; oft wog ein fetter Bauch die Hüfte oder man war gertenschlank. Schon der Windelsäugling streckte mir die offenen Hand entgegen. Am Hafen konzentrierten sich ein paar Frauen recht manierlich darauf den transitierenden Menschen einzelne Päckchen Papiertaschentücher anzutragen. Eine Ältere und sehr Beleibte las in Begleitung einer Jüngeren hin und wieder eloquentes Schicksal aus der Hand des Fremden. Ein Mann, meist sah ich nur Frauen und Kinder bei der Arbeit, saß mit seinem offenen dicken, schwarzen Mantel, mit gespreizt ausgestreckten Beinen, mitten auf einem belebten Trottoir; auf die sorgfältig geglättete vordere Ecke des Mantels hatte er drei 50 Cent Stücke platziert. Er sah mit einem gekünstelten Leidensgesicht auf die Passanten.
Urlauber am Hafen von Piräus: Mit ein oder zwei Rucksäcken oder einem Koffer auf Rollen, der gezogen wurde; schienen direkt vom Friseur und neue eingekleidet aus dem Kaufhaus zu kommen; ent- oder bestiegen eine der vielen Inselfähren. Außer ein paar Holländern und Belgiern, die sich, so schien es, überall zu hause fühlten, liefen die anderen herum, als seinen sie in einem schlechten Film; das Zapper-Zepter, ihre Fernbedienung, hier nicht war und nichts bewirkte.
Mein Gott, ja, auch Frauenleiber hischen einen zweiten Blick, so Europapotent hier ihre Konturen; den Dritten, lang haftenden, versagte ich mir.
Piräus, am Mittwoch, den 30. August 02
Am Nachmittag regnete es; las am Schlafplatz in der Athens News. Fand darin erstaunlicherweise auch einen recht informativen Artikel zum Wahlkampf in Deutschland; ein weiterer interessanter Beitrag besprach das desolate Universitätssystem Griechenlands.
Mein immer etwas finster blickender und in sich zurückgezogen lebender, untersetzt und kleinwüchsig erscheinender, albanischer Husten-Kumpel sprach mich tatsächlich eines abends an. Er sagte, er habe mich in der Straße stehen sehen und redete mir nun zu, doch in der Nacht, so ab 0 Uhr, in den Katinas die angetrunkenen Menschen anzusprechen. Ich fand es nicht in Ordnung, so die verminderte Zurechnungsfähigkeit der Trinker auszunutzen, sagte aber nichts dazu. Meine Erfahrungen waren so, das ich nach Einbruch der Dunkelheit mein Spendenstehen kaum aushalten konnte. Die Situation kam mir dann immer hochdramatisch vor und alle Abgründe taten sich vor mir auf.
Sohag, ein freundlicher, aufgeschlossener junger Mann aus Pakistan, der am Port als einer von vielen Fliegender Händlern Ferngläser verkaufte; auch er hatte mich in der Straße stehen sehen und ließ sich nun nicht davon abbringen mir neunzig Cent zu schenken. Auch wollte er mich zu sich nach hause mitnehmen. Ich schreckte davor zurück, für mich waren die mitunter durchaus sympathischen jungen Pakistani leider alle homoerotisch vorverurteilt.
Samstag Nachmittag, die Geschäfte waren mittlerweile geschlossen, es wurde ruhiger um den Hafen. Ein abgerissen aussehender, minderwüchsiger, schlanker Mann; sein kleines Fahrrad war mit vielen Plastiktüten behangen, durchstöberte die Mülltonnen und sammelte daraus die Getränkedosen; trat sie klein, ehe er sie verstaute; auch ein leerer Bierkasten klemmte auf dem Gepäckträger.
Ein anderer, großer Schlanker, mit gepflegtem, langem, grauen Bart; stakst mit seinem Müllbeutel an den vor der Ampel wartenden Autos entlang; verkaufte daraus kleine Wasserflaschen, Taschentücher- und Zigarettenpakete.
Überall flattern sie an diesem Tag im Wind, die blauweißen Streifen und das weiße Kreuz auf blauem Grund - im linken, oberen Achtel.
Phanassos, der 56 Jahre alte, haarsträubend verschmuddelte, griechischer Tippelbruder, saß auf "meiner" Bank und so setzte ich mich zu ihm. Er sprach auch ein paar Worte englisch und italienisch. Sein Mitteilungsbedürfnis war groß. Wir kommunizierten, auch den letzten Keim von Sprachintelligenz demütigende, radebrecherische Stunden. Er schenkte mir Teigwaren, von denen er jede Menge in seinen zwei großen Plastiktüten zu haben schien, auch erhielt ich ein paar Tipps zu lohnenden Orten und Inseln, sowie die genaue Beschreibung der kostenlosen Mittagessenausgabe - ab Montag, zwischen 12 und 14 Uhr, schräg gegenüber, bei der Kirche.
Sonntag, den 1. September 02
Kühle Nacht, war mehrmals versucht meinen Schlafsack auszupacken; habe aber aus Solidarität mit meinem Nachbarn, der auf alten Kistenpappen und mit einer Wolldecke schlief, darauf verzichtet.
Ruhiger Sonntagmorgen, kaum Schiffe im Port; schlief lange und raffte mich nur zum Schneidersitz auf; las, gegen den Rucksack gelehnt, in den Wochenendausgaben der beiden großen deutschen Tageszeitungen; ebenso den ganzen Nachmittag; abends, Gang zum Bahnhof, mich da etwas zu waschen und Wasser zu tanken; kaufte 1/2 Liter Milch am Kiosk, dann setzen Regen und Gewitter ein.
Saß unter dem Vordach des Info-Point Europe; aus den Gullies roch es nach Fäkalien; dachte wiedereinmal darüber nach, wie es weitergehen könnte. Anthonie schenkte mir am Abend einen historischen Roman von Suzanne Bardey; Die Piratenbraut; ein gebrauchtes Taschenbuch; ich las es.
Anderntags zum Abend saß ich mit Anthoni, Safiri, Pedro und Paul; letzterer ein Österreicher, der schon viele Jahre in Griechenland lebte und mir da ein sehr angenehmer Gesprächspartner war. Pedro schlief die Nacht mit an meinem Schlafplatz.
Mittwoch, den 4. September 02 in Piräus
Nach der vormittäglichen Straßenstehung war ich zum Mittagessen in der Armenküche; es gab Bohnensuppe und eine Pitta mit Weinblättern gefüllt, auch ein Stück Brot dazu.
Nachmittags, am Bahnhof, begegnete ich Mikel; einem wohl 70 Jahre alten, recht munteren Griechen. Er erzählte mir Geschichten aus der Kriegszeit. So wurde einmal des nachts die Deutsche Flagge gestohlen, die zu jener Zeit des morgens gemeinsam mit der Griechischen auf der Akropolis gehisst wurde; der Dieb soll ... gewesen sein, immer noch ein aktives Mitglied der kommunistischen Partei Griechenlands. Mikel lebte zu jener Zeit auf der Insel Salamina, oberhalb von Selinia auf einem Berg; neben ihrem Gehöft hatten sich fünf, wie er sagte, sehr feine junge Leute aus Deutschland in einer Hütte eingerichtet; sie seien wie Brüder im Umgang miteinander gewesen.
Donnerstag, den 5. September 02 in Piräus
Bekam am Vormittag 25 Euro Spenden; ein Zehner von einem Franzosen, der auch in Santiago war; er reichte mir die Hand dazu. Hund leistete mir wieder Gesellschaft. Mittagessen in der Armenküche; war am Nachmittag im Netzcafe.
Die Dicken bekamen nun den Bauch nicht mehr voll; auch der Dieselruss aus ihren Schloten brannte nicht mehr so oft in den Augen; Inselhopper und fliegende Händler näherten sich der Parität auf dem Kai. Der Ticket-Stand verschenkte noch eisgekuehlt das Wasser auf Knopfdruck; die freundliche Stewardess entbot grossräumig auch uns ihr Zimtgebäck. Seltsame Frauen itterierten da im Kontrast-Look, wie Vogelschäuchen den Geizhals zu vertreiben; niemand befreite die entnerft blickenden Kinder. Schon der schmutzige Windelmatz hielt mir die Hand auf. Zur Ankunft einer VIP: Da, die Uniformierten mit leichtem Maschinengewehr, da, die Acht ihrer Augenblicks-Evaluationen, wider dieses 17N Restrisiko; deren Blutspur endete hinter griechischen Gardinen; ein Entwicklungshilfeprojekt von CIA und FBI. Athens Skalpelle kannten die besonders großen Obdachlosen-Incissionen. Ein Taxi entließ mit leeren Händen in die Einsamkeit. Überschwemmungskatastrophe auch hier, im Norden der Stadt; die Helfer befanden sich im langen Wochenende. Passanten bekreuzigten sich, sie gingen an einer Kirche, oder an mir vorüber. Frugst du einen Bettler, Müllsammler oder anderen Parawirtschaftskünstler, er wartete auf seine Rente. Die griechische Kultur verstößt die Hundeleben, es spiegelt darin womöglich etwas zu sehr. Phantastische Gesichter im Grau-Chaos der Gehwegplatten; Schizzo-Verdächtige Strassenexistenzen; die nicht bitten können, haben ihren Oberschmäh; dessen roter Faden ist das Spinnennetz; auch Notblüten, wie Überheblichkeiten.
Der Metropole Saurierpanzer, die Berge belagert und nackt, das Chaoszivil in sieben Lagen; diesseits der Mobilkrampfdröhnung, das Hafen-Wabern, bunt wie Kirmes: Schlaf- und Abfallinspektoren, fliegenden Bitter und Bieter, Personal und freien Hunde, Fledderbörsen hinter der Bank, Durchlaufmassen im Urlaubsfilm; eine stringente, schwarze Laufschritt-Wehe, die Orthodoxie eilte zum Schiff, dachte vielleicht – nur schnell weg auf die Insel.
Freitag, den 6. September 02, Piräus
Der schwarze Hund kam heute nicht zu meinem Stehplatz. Ein Mann spendete zwei Fünfer. "Hello my friend" - war die Begrüßung an der Essensausgabe der Mittagsküche; es gab einen sehr schmackhaften Linseneintopf, von dem ich noch einen Nachschlag nahm. Ich war gemeinsam mit Pedro dahin gegangen. In dem kleinen Lokal jedoch überkam ihn eine Verhaltensänderung. Hier tat er nun so, als würde er mich nicht mehr kennen und setzte sich an einen anderen Tisch; es schien ihm eine Pein hier zu essen und noch dazu mit einem Almosenempfänger befreundet zu sein. Wurde an meinem Tisch gefragt, ob ich ein Papa, also ein Pastor sei, wegen meines langen Bartes; war danach noch an der anderen Seite des Hafens im SU-Restaurant und nahm dort eine warme Dusche für 5 Euro; es war herrlich. Abends saß ich mit Pedro und Paul am Hafen; letzterer hatte mir zwei dicke deutsche Romane mitgebracht; wir lasen. Ich spendierte eine Dose Futter für einen der Stromer. Die Anlegerbereiche war belebt von Wochenendausflüglern. Auch unser schwarzer Hund, den Pedro inzwischen mit dem Namen Blacky belegt hatte, kam und fraß sein Futter. Paul spielte mit ihm. Als ich ging folgte er mir wieder. Kurz vor dem Gebäude der Portpolizei jedoch machte er kehrt; er hatte es da vor den anderen Hunden mit der Angst bekommen. Phanassos saß am Weg auf einer Bank. Er schenkte mir ein Schokoladen-Croissant. Bei meinem Schlafplatz lag immer noch das Schiff vor anker, daß mich in der Frühe mit seinem Einlaufen geweckt hatte; ging zum Alternativplatz, unter das Vordach der großen Abfertigungshalle für die Kreuzfahrtschiffe, gleich nebenan.
Samstag, den 7. September 02 in Piräus
War für diesen Nachmittag mit Paul verabredet. Wir wollten zusammen ins Netzcafe. Ich wollte ihm zeigen, wie er seinem Bruder eine Email schicken kann. Für den Sonntag hatten wir uns eine kleine Bootsfahrt nach Salamina vorgenommen; das ist die Halbinsel im Saronikos-Golf, gleich rechterhand vor Piräus.
Einreise nach Israel - für Deutsche kein Visa nötig, nur ein Reisepaß mit einer Gültigkeit von 6 Monaten - für einen Aufenthalt von drei Monaten. Israel feierte bis zum Sonntag den Beginn des Jahres 5763. - Paul ließ sich gestern nicht blicken, ich war allein im Netzcafe. Hatte da nach den Einreisebestimmungen für Israel Recherchiert.
9. September 02
Abends kam Paul; er erzählte, er hätte zwei Tage in einer Athener 10-Mann-Zelle gesessen; ohne Essen; die österreichische Botschaft hat ihn dann rausgeholt. Sein Geld, 180 Euro Wochenlohn, hatte er nicht wiederbekommen. Bei einer Kontrolle hatte er keinen Pass gehabt.
Mittwoch, den 11. September 02
Gestern: ca. 15 Euro Spenden; wie immer auch Mittagessen in der Armenküche; hatte Hund Blacky den ganzen Tag dabei; zeitweise an einer improvisierten Leine. Er schlief auch bei mir, heute morgen verschwand er allerdings.
12. September 02
Hatte fast die ganze Nacht gelesen. Heute morgen keine PR-Arbeit, war stattdessen im Netzcafe. Las den ganzen Nachmittag am Kai in der Faust Gottes von F. Forsyth; war zeitweise wie im Fieber. Als das übliche nachmittägliche Gewitter herannahte, schneller Gang zum Bahnhof. Auf dem Gehweg lag ein Zehn Euro-Schein; nahm ihn ganz ungläubig auf. Nach Einkauf von Milch, Sesamkeks, Hundefutter und einem Pfirsich, rechtzeitiger Rückzug zum Schlafplatz.
16. September 02
Heute morgen sprach mich ein Spender an und sagte, ich sehe aus wie Christo.
Donnerstag, den 19. September 02
Mittags traf ich auf Andreas, 39 Jahre alt, aus Deutschland, schon ca. vier Monate hier; ich erkannte ihn als jenen jungen Mann der in der Botschaft um die Finanzhilfe gedrungen hatte; er machte mir einen leicht verwirrten Eindruck.
Samstag, den 21. September 02
Abends die deutschsprachige Gemeinschaft - Paul, Andreas und ich. Andreas war ziemlich verlottert und stank erbärmlich.
Montag, den 23. September 02
Großer Spaziergang mit Hund zum Jachthafen; kaufte ihm ein Antiparasitenhalsband und eine Bürste. Nachmittags Wind von Osten, er trug den Verkehrslärm herüber.
24. September 02
An unseren Schlafplatz kamen wir gestern nicht ran; wieder einmal standen zwei Herren im Tarnanzug und schwer bewaffnet herum. Sie besahen sich meinen Ausweis und sagten, ich könne da heute nicht hinein. Als ich statt dessen in Richtung Park vor der Abfertigungshalle für die Internationale Schifffahrt ging, fand ich diesen durch einen neuen Zaun abgeriegelt; temporär wie es aussah; er verlief mitten durch das Grün. Ich erinnerte mich an einen kleinen Artikel in der Athens News, der beschrieb, daß eine größere Gruppe israelischer Kinder eingeladen war. Wir fanden etwa eine halbe Stunde später einen Rohbau, Hund Blacky führte mich in der ersten Stock, wo auch schon eine Pappe auf dem Boden lag.
26. September 02
Übliches Schema, viel mit Andreas zusammen, Blacky immer dabei, er setzt sich mit Vorliebe zwischen uns auf die Bank. Heute knapp zwanzig Euro bekommen, darunter zwei Fünfer; wieder reichlich ausgegeben und an Kollegen verteilt. Jane hatte mir heute eine warme Pitta mit Weinblättern gebracht. Hier noch etwas Lyrik von Andreas.
Am Nachmittag angenehm windig; ab und zu flogen ein paar Wolken vorbei, der Verkehrslärm wurde etwas weggedrückt; war froh, das es Got-Grün geschafft hatte.
28. September 02
Abendbrot und Nacht mit Andreas im Rondell des Kriegsmarinemusems am Jachthafen; ein altes Uboot, in schwarzem Anstrich, stand in der Mitte des Rasengrünst davor. Wir lagerten zwischen Schiffs- und Flackgeschützen, mittelalterlichen Kanonen und Wasserbomben. Blacky mochte es, wenn ich seinen Kauknochen an einem Band um seinen Hals befestigte; er schaukelt dann scheinbar animiert vor ihm her und er spielt dann damit "den Knochen durch die Luft wirbeln". Am Morgen war der Himmel diesig und bewölkt; hatte die Wochenendausgabe der Süddeutschen gekauft und zwei Euro am Straßenrand gefunden. Mit den anderen Hunden am Bahnhof vertrug sich Blacky inzwischen; die Putzfrau da sympathisierte mit uns, auch ein junger Mann aus der Gepäckabteilung.
Sonntag, den 29. September 02
Gestern Nachmittag am Jachthafen; Andreas kam gegen Abend; gemeinsames Essen und Nacht am Marine-Waffen-Park. Viele lärmend spielende Jugendliche waren da. Einmal kam ein Wagen der Port-Police. Sie sagten zu uns, wir können die Nacht hier bleiben, sollten aber früh verschwinden. Die Polizei kam noch ein zweites mal und legten sich nun ziemlich heftig mit den Jugendlichen an; leuchtete anschließend alles mit den Taschenlampen ab; ließ uns aber in Frieden. Ein heftiges Gewitter zog in der Ferne vorüber. Andreas hatte sich eine Mundharmonika gekauft; anderntags begleitete er damit seine PR-Arbeit. Zwei Gipsy-Kinder kamen da vorbei und ein Zigeuner auf Gehstützen; der setzte sich zu mir und fragte mich mitfühlend, ob ich zu essen hätte; er sagte, es seien zu viele unterwegs.
Montag, den 30. September 02
Andreas mußte gestern mit einem Bekannten auf der Port-Police die Taschen leeren, sie waren auf der Suche nach Drogen. Ich wurde heute morgen nach ca. zwei Stunden Stehung und Zehn Euro Spenden von drei patrouillierenden Polizisten weggeschickt.
Mittwoch, den 2. Oktober 02
Gestern Nachmittag war sehr stürmisch; gingen frühzeitig zum Jachthafen, waren abends beide recht kaputt. Andreas war gestern Vormittag auch noch vor einen Buss gelaufen; außer einer Schürfwunde am Ellenbogen und einer kleinen Prellung am Knie, war ihm aber nichts passiert; er wollte nicht ins Krankenhaus gebracht werden. Sein Hilflosigkeitstraum handelte seit Tagen von eine Jugendherberge auf einem Schiff, daß zwischen den Inseln verkehrt; er denkt daran einen alten Frachter umzubauen. Ein anderer Traum von ihm ist es, irgendwo aufs Land in eine alte Hütte zu ziehen und da zu überwintern. Antrieb und Grundstimmung sind trübe, kein Drive zu Veränderungen.
Donnerstag, den 3. Oktober 02
Schöner Morgen, wachte aber, fast wie immer, unzufrieden auf; Hund verschwand auf dem Weg zur Arbeit. Diese Tage begannen mir immer deprimiert; erst gegen Mittag, nach der stundenlangen Stehung, stellte sich dann eine Art Equilibrium ein.
Freitag, den 4. Oktober 02
Bekam gestern von einer jungen Frau, die extra für mich über die Straße gekommen war, fünf Euro und hatte so mit den Münzen insgesamt 15. Als ich um 12 Uhr 30 den Platz verließ und am Kiosk neben meinem alten Standplatz den Betreiber nach dem Hund fragte, sagte er: „ja, er ist hier öfter vorbeigekommen“ und deutete auf ein Reklameschild neben den Außentischen des benachbarten Restaurants; dahinter lag und schlief er.
Freitag, den 5. Oktober 02
Email von Holger: Er schrieb, seine Schwester sei seit dem 1. Oktober in Athen; er schlug vor, ich solle ihr eine nette Email schreiben - etwa so ... bin ein Freund von Holger ..., der Vorschlag klang mir wenig einladend; ich fand ihn wie die Anleitung zu einem Bewerbungsschreiben. Schnitt dem Hund einen Kaugummi aus dem Fell der Flanke und bürstete sein schwarzes Haar, dann schlief er neben mir.
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Letztes Update am 1. Juni 2006